Eltern sein – Familie leben

Von Muttermilch und Demokratie

Ich stamme aus einer sehr politischen Familie und seit ich denken kann, waren meine Eltern hauptberuflich und ehrenamtlich an Wahlen beteiligt. Mein Vater war in seiner Funktion als Büroleiter einer Gemeindeverwaltung oft auch gleichzeitig Wahlleiter unseres Ortes und meine Mutter arbeitete immer ehrenamtlich in einer der Wahlbüros mit. Wahlsonntage waren also immer sehr spannende Tage bei uns daheim. Schon früh bekam ich vieles mit, was zur Vorbereitung einer Wahl nötig ist – allein schon, weil mein Papa es in den Wochen vorher oft nicht schaffte, pünktlich zum Abendessen daheim zu sein.

 

Am Wahlsonntag waren mein Bruder und entweder bei unseren Großeltern oder später auch einfach allein daheim. Aber egal wie sie es machten, ein Ritual gab es immer – Mama und Papa machten gemeinsam Mittagspause und aßen mit uns einen riesig großen Topf Gulasch mit Nudeln, den meine Mutter in der Woche zuvor vorbereitet hatte und danach gingen sie ihre Stimme abgeben – und nahmen uns mit. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich beinahe schon ehrfürchtig im Bürgerhaus gestanden habe und zusehen konnte, wie die Erwachsenen mit Zetteln und Stiften in den Kabinen verschwanden und ihre Stimme abgaben und ich habe schon seit ich denken kann den Tag herbei gesehnt, an dem ich auch durfte.

Um 18 Uhr saßen wir Kinder dann allein daheim vor dem Fernseher und warteten auf die erste Hochrechnung und kurz danach rief Papa an und wir tauschten uns aus – ich erzählte ihm, was im Fernseher gesagt wurde und er mir, wie die Ergebnisse für unseren Ort gerade aussahen. Wenn sie mit dem Stimmen auszählen fertig war, kam Mama nach Hause und manchmal fuhren wir gemeinsam in die Verwaltung. Dann durfte ich bei Papa am Schreibtisch stehen und schauen, wie Zahlen in Computer eingegeben wurden, Balken wuchsen, Kreise entstanden und immer – immer – immer wieder klingelte das Telefon.

Das Telefon, das klingelte auch bei uns zu Hause ohne Unterlass an solchen Abenden, denn jeder suchte meinen Papa – und im Zeitalter ohne Smartphone versuchte man es dann halt auf dem Festnetz und telefonierte stattdessen mit mir. Ich kam mir an solchen Abenden unendlich wichtig vor und für mich stand fest, dass auch ich eines Tages Teil dieser spannenden Angelegenheit sein will – zumindest in sofern, dass ich immer meine Stimme abgeben werde und immer wissen werde, dass irgendwo in irgendeinem Balken, der sich abends im Fernsehen nach oben bewegt, mein Kreuz enthalten ist.

Meine Eltern hatten manchmal ein schlechtes Gewissen, dass sie uns an solchen Tagen soviel allein ließen, statt mit uns auf dem Sofa zu sitzen und gemeinsam die neusten Nachrichten zu schauen. Ich jedoch habe mich nie allein gefühlt, sondern mittendrin in einer wichtigen Sache. Bis heute sind Wahltage für mich großartig – und ich bin meinen Eltern sehr dankbar – dankbar für das Geschenk, dass sie mir genau an diesen langen, für sie arbeitsreichen Sonntagen gemacht haben – für das Geschenk, unsere Demokratie verstanden und mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Ich bin dankbar, dass ich gelernt habe, dass Demokratie geil ist – viel geiler jedenfalls, als daheim zu sitzen und zu wissen, dass die eigene Stimme in keinem der Balken vorkommt.

Von daher – macht mit. Geht wählen und zeigt euren Kindern, dass Demokratie geil ist!

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