Eltern sein – Familie leben

Christlich, bindungsorientiert, Sears-Fan

Die deutsche Elternschaft führt mal wieder einen Glaubenskrieg im Internet. Eigentlich könnten man sich jetzt einfach “AHA” und “danke für die Information” oder “In Hamburg ist ne Schippe umgefallen” denken und tun, mit was man gerade eigentlich beschäftigt war. Ich habe das ein paar Tage lang versucht. Doch dann habe ich festgestellt, dass diesmal nicht nur ein Erziehungsstil, nämlich das sogenannte Attatchment Parenting im Fokus dieser Debatte steht, sondern auch der Mensch, der für viele als eine Art Urvater der Bewegung gilt: der amerikanische Kinderarzt William Sears.

Sears, lange Zeit für seine Veröffentlichungen über den bindungsorientierten Umgang mit Kindern gefeiert, scheint nämlich auf einmal nicht mehr richtig ins Bild einer Bewegung zu passen, die in Deutschland vor allen Dingen in den hippen Szenevierteln der Großstädte gelebt wird. Es gibt nämlich ein riesiges Problem mit William Sears. Er und seine Frau gehören einer Gruppe an, die bei den besagten Szene-Eltern noch uncooler ist als Helene Fischer – William Sears ist Christ! Schlimmer noch, Sears steht öffentlich dazu, dass sein Christ-sein seine Überlegungen zum Attatchment Parenting maßgelblich beeinflusst haben. Eine Tatsache, die eigentlich schon seit über 20 Jahren bekannt sein könnte, aber die erst gerade neu in den Fokus der Öffentlichkeit geraten ist. Denn nachdem das Attatchment Parenting von einigen als problematische Art und Weise der Kinderbegleitung identifiziert wurde, weil es unter anderem aus Sicht vieler Mütter mit der Selbstaufgabe der mütterlichen Persönlichkeit einher geht, musste ein Schuldiger her. Einer von dem sich deutsche AP-Vertreterinnen wunderbar abgrenzen konnten – und den fand so manche nun in Sears. Sears ist nämlich, muss man wissen, nicht nur “einfach mal Christ”, er gehört einer Glaubensgemeinschaft evangelikaler Christen an. Nun haben die amerikanischen Evangelikalen sich zugegebenermaßen in den letzten Jahren unter anderem durch ihre öffentliche Unterstützung von Donald Trump einen zweifelhaften Ruf erworben – und mit Sicherheit gibt es in den USA (und in Deutschland) Gemeinden, die dieser Richtung angehören und die durchaus kritisch zu betrachten sind. Aber die Evangelikalen gibt es weder in Deutschland noch in den USA. Wir wissen recht wenig darüber, wie Sears seinen eigenen Glauben lebt, allerdings ist bekannt, dass er innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft immer wieder Diskussionen angestoßen hat und dass er sich beispielsweise klar gegen viele Leitlinien der Kindererziehung stellte, die einige evangelikale Prediger aus der Bibel heraus ableiten wollten. Nora Imlau hat dies in ihrem Artikel wunderbar herausgearbeitet und belegt. Gerade deshalb ist es mir schleierhaft, warum ausgerecht Sears nun als erzkonservativer, sexistischer Mütterpeiniger gilt, vom dem sich die deutsche AP-Bewegung schnellstens distanzieren müsste.

Selbstverständlich hat sich AP weiterentwickelt und hat zum Teil andere Wege genommen, als William und Martha Sears einst vorgegeben haben. Solche Modernisierungs- und Anpassungstendenzen sind ganz normal und sehr gesund für eine Bewegung, die sich mit nichts Geringerem als der Aufzucht der nächsten Generation beschäftig. Den Begründer jetzt jedoch auf den Mond zu schießen, indem man ihn mit den schlimmsten Zuschreibungen versieht, die unsere hippe Elterngeneration derzeit im Petto hat, halte ich für völlig daneben. Ganz abgesehen davon, dass es haltlos ist. Viel mehr ließe es sich viel einfacher erklären, warum wir heute hier in Deutschland einiges anders leben wollen, als Sears es in den 1990-er Jahren für die USA ausgearbeitet hat: Der 1939 geborene Kinderarzt gehört zum einen einer völlig anderen Generation an als wir. Ihn beschäftigten andere gesellschaftliche Strukturen, andere Fragestellungen, andere Ausgangsvoraussetzungen und dann lebt er einfach auch auf einem anderen Kontinent, der sich ein Stück weit auch kulturell stark von dem unterscheidet, was wir hier in Deutschland kennen und leben.

Als christliche Mutter und Eltern- und Familienberaterin in Deutschland empfinde ich das Draufhauen auf William Sears derzeit auch aus einem anderen Grund als höchst problematisch. Durch meine Arbeit und auch durch den Austausch mit Euch hier und meinen Aktivitäten im Netz stelle ich immer wieder fest, dass gerade Christinnen und Christen sich sehr schwer tun, von alt eingefahrenen Erziehungsvorstellungen wegzukommen oder mit ihren neuen und anderen Wegen innerhalb ihrer sozialen Räume akzeptiert zu werden. In christlichen Elternkursen spielen AP, Bedürfnisorientierung oder Gedanken aus dem Unerzogen-Spektrum keinerlei Rolle, viel mehr sind dort noch immer viele Mythen unterwegs, die eher auf Johanna Haarer zurückgehen, als auf jene Christen (denn außer Sears gab es ja auch noch andere), die sich aus ihrem Glauben heraus für einen friedvollen Umgang mit Kindern eingesetzt haben. Wir haben da ganz großen Nachholbedarf, besonders solange selbst liberale, weltoffene Vertreterinnen der christlichen Kirchen, wie Margot Käßmann höchst problematische Thesen zum Umgang mit Kindern veröffentlichen. 2011 hat eine Studie zum Thema Gewalt in Familien zudem gezeigt, dass gerade in Familien, die Freikirchen angehören, ein deutlich höherer Anteil von Eltern angibt, körperliche Gewalt gegen Kinder anzuwenden, als im deutschen Durchschnitt. Auch die kürzlich veröffentlichte Studie von Tobias Faix und Tobias Künkler zeigt, dass gerade im Bereich der Freikirchen christlicher Glaube und Gewalt in der Kinderzerziehung keinen Widerspruch darstellen und dass viele Eltern aus der Bibel offenbar sogar ein Gebot der Gewaltanwendung gegen ihre Kinder ableiten. Wir haben auf diesem Gebiet also noch richtig viel zutun.

Was kann uns da besseres passieren, als ein konservativer, evangelikaler Kinderarzt, der aus der Bibel etwas völlig anderes ableitet und der streitbar genug ist, genau das auch genau an den Stellen zu sagen, an denen es dringend nötig ist? Nicht nur vor diesem Hintergrund empfinde ich es als angebracht, wenn wir uns alle wieder ein bisschen beruhigen würden. Jeder, der öffentlich für einen guten Umgang mit Kindern einsteht, ganz egal ob er es bindungsorientierte Elternschaft nennt, Attatchment Parenting, Unerzogen, Beziehungsorientierung oder Schnuppelduppelrellerimp, tut etwas Wunderbares, steht für etwas Wichtiges und trägt seinen Teil zu einem besseren Verständnis von Menschen im Allgemeinen und Kindern im Besonderen bei. Wir haben es allesamt nicht nötig, uns von ein paar schreibenden Wutmüttern in den Feuilletons aus der Ruhe bringen zu lassen.

3 Kommentare

    1. Vielen Dank für deinen informativen Text. Danke, dass du dein Wissen und deine Gedanken mit uns teilst und ich nun wieder ein Stück schlauer sein kann 🙂
      Das mit Margot Käßmann würde mich auch interessieren.
      LG Katharina

      1. Hallo ihr zwei! Margot Käßmanns Buch Erziehung als Herausforderung enthält einige krude Thesen meiner Meinung nach. Außerdem schreibt sie auch in ihren späteren Büchern immer mal wieder darüber, dass Kinder zwar zur Gemeinde gehören, jedoch dafür gesorgt werden müsse, dass sie nicht stören, sie regt sich an einer Stelle auch mal über eine Mutter auf, die sie im Zug mal gebeten habe, auf ihr Kind zu schauen, damit diese auf Toilette gehen könne – was Käßmann als nervig empfand und der Meinung war, die Mutter könne nicht erwarten, dass jeder Lust hätte, sich mal um ihr Kind zu kümmern. Ähnlich ätzend äußerte sie sich über eine alleinerziehende Mutter, die mit ihren beiden Kleinkindern einen Kirchentag besuchte und an wenig kindgerechten Veranstaltungen teilnahm. Alles in allem kommt bei ihr oft dieser Gedanke des Gehorsams raus und sie transportiert unterschwellig für mich die Botschaft, dass man Kinder zwar sehen, aber nicht hören darf.

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