Eltern sein – Familie leben

Bauchfleisch mit Curryketchup

Wie manches, dem wir kaum Beachtung schenken,
Uns dennoch für ein ganzes Leben prägt,
Und seinen bunten Stein, als ein Andenken
Ins Mosaik unserer Seele trägt!
(Reinhard May, Beim Blättern in den Bildern meiner Kindheit)

Irgendwann in den nächsten Tagen wird ein Stück meiner Kindheit nicht mehr da sein. Kein Mensch zum Glück, aber ein wundervoller Ort. Ein Ort, der zwar weiter existieren wird, aber dann nicht mehr zu meiner Familie gehört. Es ist ein Ort, in dem viele bunte Steine in das Mosaik meiner Seele gelegt wurden und ich möchte euch heute von diesem Ort erzählen. Ich möchte das, weil es mich bewegt und weil ich es gut finde, in der ganzen ausufernden Diskussion um Attatchment Parenting und Co einmal zu zeigen, dass es oft nicht viel braucht, um Liebe und Halt in Kinderherzen zu pflanzen.

Meine Geschichte könnte irgendwann im Sommer gespielt haben. Oder im Winter. Vielleicht auch im Frühling oder im Herbst, obwohl ich an diese beiden Jahreszeiten tatsächlich weniger Erinnerungen habe, als an die anderen.
Der Winter ist mir sehr präsent, denn in dem kleinen Dorf, in dem meine Geschichte spielt, ist jedes Jahr wirklich Winter und das, obwohl es in Nordhessen liegt. Es ist das Dorf meiner Oma. Das Dorf meines Opas. Das Dorf meiner Tante und meiner Onkels, das Dorf von Cousinen und Cousins. Es ist das Dorf meiner Mutter – und irgendwie auch das Dorf meiner Kindheit. Das Dorf, in dem ich viele Sommer und Winter verbracht habe. Das Dorf, in dem mein Clan lebte.
Der Sommer ist besonders präsent in meinem Herzen. Denke ich an die Sommer dort, dann denke ich an das Gefühl, barfuß über den Teer zu laufen, obwohl die Oma wollte, dass ich Schuhe anziehe. Ich denke an die kalten Fließen der Milchsammelstelle und an das Eis, dass ich dort immer bekommen habe. Ich denke an meinen Uropa, der die Kühe auf die Weide trieb.
Ich denke an lange Sommernächte im Hinterhof, wo der ganze Clan zusammen war und an meinen Opa, der in Shorts, Unterhemd und Schürze vor seinem gemauerten Grill stand und uns alle mit Fleisch versorgte. Bauchfleisch am liebsten – und das aßen wir Kinder dick in Curryketchup getränkt. Noch heute ist es mir nicht möglich, Bauchfleisch ohne Curryketchup zu essen – und obwohl ich weiß, wie ungesund das ist, gönne ich es mir ab und zu. An manchem lauen Sommerabend brauche ich diesen Geschmack auf der Zunge. Den Geschmack von Liebe und Geborgenheit. Den Geschmack, der mir sagt, dass ich das Privileg hatte, Teil eines großen Clans zu sein. Teil einer Gemeinschaft, die immer auf mich aufgepasst hat, in der immer jemand da war.
Da war meine Uroma, in deren Bett ich schlafen durfte, die jeden Abend mit mir betete und mir so das Wissen in die Wiege legte, dass es noch viel mehr für mich gab, als all die lieben Menschen auf der Erde. Sie pflanzte die feste Sicherheit in mein Herz, dass Gott mit seinen Engeln über mich wacht – und machte mir damit ein Geschenk fürs Leben.

Da waren meine Onkels, die mit einem schlichten Kommentar selbst die schrecklichsten Ereignisse auf ein erträgliches Maß herunterbrechen konnten. Da waren meine Oma, meine Mutter und meine Tante – drei Frauen so unterschiedlich und doch so gleich, die mir vorlebten, dass starke Frauen nicht in Schubladen passen und dass Leben all das ist, was wir aus dem Herzen heraus tun. Da war meine zweite Uroma, viel zu früh dement der Welt entrückt und doch immer dabei, liebevoll gehalten und fröhlich in sich ruhend. Von ihr habe ich gelernt, dass jeder Mensch zählt und jedes Leben auf seine Art lebenswert sein kann. Da war der eine Uropa mit seiner Begeisterung für Fußball und seinen Freudentränen, als mein Bruder sein erstes Tor schoss. Da war der andere Uropa, der nie richtig gut Deutsch gelernt hatte und der auch nie viele Worte brauchte, um seine Liebe zu seiner Familie zu zeigen. Da war mein Papa, der souverän über den Dingen schwebte und der Ruhepol war, wenn der Clan mal wieder allzu hitzköpfig aneinandergeriet. Da waren wir Cousins und Cousinen, die in diesen langen Nächten im Hinterhof zu Verbündeten fürs Leben wurden.
Da war das erste Bier, das wir nicht heimlich trinken mussten, weil unsere Eltern uns vertrauten. Da waren die ersten großen Lieben, die mitgebracht werden durften und dazu gehörten. Da waren irgendwann die Partner die blieben – und eines Tages schleppte ich mein erstes eigenes Kind in der Autoschale in das alte Fachwerkhaus mit dem großen Hinterhof.
Das alte Fachwerkhaus und sein Hinterhof sind nun leer. Bald werden andere Kinder dort spielen und andere Familien fröhliche Feste feiern. Vielleicht wird sich ein neuer Clan dort finden und vielleicht werden neue Bande fürs Leben geknüpft. Es ist ein guter Ort dafür. Und wir, wir werden uns fortan an den anderen Orten treffen müssen, die für Liebe und Gemeinschaft stehen. Im Wohnzimmer meiner Eltern oder an der großen Tafel meiner Tante. Und wer weiß, vielleicht trägt irgendwann irgendwer meinen eigenen Hof, mit den riesigen Holzbänken und der Pizza vom Grill in seinem Herzen durch die Welt, so wie ich es mit dem Hinterhof vom alten Fachwerkhaus und dem Bauchfleisch mit Curryketchup tue!

 

2 Kommentare

  1. Hallo Daniela, ich verfolge schon länger Deinen Blog. Aber dieser Eintrag berührt mich besonders. Vielleicht, weil ich nicht das Glück hatte, in einem großen Clan aufzuwachsen. Du hast das wirklich sehr schön geschrieben.

    1. Danke für Deinen Kommentar und das Lesen meines Blogs. Wir können uns leider nicht aussuchen, in was wir hineingeboren werden. Ich wünsche dir, dass du jetzt ein Zuhause voller Liebe hast und dass du unterwegs Menschen finden konntest, die zu deinem Clan werden können. Friends are the family, you meet them on the way.
      Alles Liebe ❤

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