Eltern sein – Familie leben

Zum Donnerwetter noch einmal!

Beziehungsorientierung heißt nicht Konfliktfreiheit

So eine Überschrift in einem bindungs- und beziehungsorientierten, christlichen Blog? Falls ihr das jetzt nicht erwartet hättet, dann seid ihr in die Falle getappt, in die viele Menschen tappen, wenn sie anfangen, sich mit bindungs- und beziehungsorientierter Elternschaft zu beschäftigen oder dieses Thema von außen beobachten.

 

Oft wird der Fokus auf Bindung und Beziehung mit der Abwesenheit von Konflikten in Verbindung gebracht. Eltern, die sich zu solch einem Lebensstil bekennen, haftet oft ein Bullerbü-Image an. Man stellt sich dann Mütter und Väter vor, die ständig im Säuselton und lächelnd mit ihren Kindern reden, während diese den Teppich mit Schokocreme einschmieren, anderen Kindern die Schaufel über den Kopf ziehen und laut singend die Predigt am Sonntag stören. All das hat jedoch nichts mit bindungs- und beziehungsorientierter Elternschaft zutun. Der Grund dafür ist ganz einfach: keine Beziehung würde es lange aushalten, wenn ein Part sich fortlaufend zurück nehmen und lächeln und freundlich sein würde, während ihm eigentlich zum Schreien und zum Heulen zumute ist. Gute Beziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass alle Individuen, die daran beteiligt sind, sich zeigen können. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass man so sein kann, wie man ist, mit all seinen Wünschen, seinen Träumen, seinen Bedürfnissen, seinen persönlichen Grenzen. Das gilt für die Kinder – und natürlich auch für die Eltern. Dieses “sich zeigen”  läuft keineswegs immer ruhig und ohne Emotionen ab. Bei uns nicht – und bei den meisten anderen Menschen auch nicht.

In meinem Haushalt leben fünf Personen, die sich, als die Impulskontrolle verteilt wurde, gerade einen Nachschlag bei der Leidenschaft geholt haben. Das ist manchmal nicht einfach, zugegeben es ist sogar mitunter ziemlich schwer. Zumal unsere Temperamente zu ganz unterschiedlichen Gelegenheiten zum Vorschein kommen, wir an anderen Stellen allesamt höchst empfindlich sind und oftmals nicht verstehen, warum jemanden anders genau jetzt etwas an unserem Verhalten stört. Konflikte sind hier also häufige Hausgäste – und das ist gut so.

Konflikte sind toll. Konflikte sind eine Chance sich selbst und die anderen besser kennenzulernen, Konflikte sind ein Zeichen dafür, dass man irgendwo besser hinschauen und sich weiterentwickeln darf.

Konflikte können bindungs- und beziehungsorientiert gelöst werden – und diese Zutaten braucht man dafür:

Bedingungslose Annahme

Dahinter steckt der Gedanke, dass wir alle zu jeder Zeit unser Bestes geben. Keiner von uns ist absichtlich so, wie er vielleicht gerade mal ist. Dass wir aufgrund unserer Temperamente abgelehnt wurde, dass uns deutlich zu verstehen gegeben wurde, dass wir falsch sind, so wie wir sind, das haben wir alle schon oft genug erlebt, das müssen wir nicht auch noch hier zu Hause erfahren. Hier dürfen wir sein – mit allem was uns zum Mensch macht. Hier dürfen wir Fehler machen. Hier dürfen wir darauf hoffen, dass die Tür immer offen ist und dass am Ende immer eine Umarmung steht und kein Ausschluss. Dazu ist eins besonders wichtig:

Vergebung

Ohne Vergebung geht gar nichts. Wir tragen nicht nach, niemals nicht. Jeder darf Fehler machen, jeder darf ätzend sein, jeder darf einmal was tun, was er hinterher nicht mehr ganz so toll findet. Dafür sind wir Menschen. Wir alle können uns ziemlich gut gegenseitig um Verzeihung bitten und wir können noch wunderbarer verzeihen – und zwar aufrichtig, von ganzem Herzen und ohne nachzutragen. Damit das möglich ist, brauchen wir allerdings auch bei Konflikten einen Orientierungsrahmen und dieser besteht bei uns aus

Liebe und Respekt

Dieser Rahmen hindert uns daran, Situationen so eskalieren zu lassen, dass der Weg zur Vergebung hinterher zu lang ist. Er hilft uns dabei, weder Dinge zu tun, noch zu sagen, die den anderen nachhaltig verletzen. Dabei tragen wir Eltern die Verantwortung, nicht die Kinder. Kinder sind sich der Wirkung ihrer Worte und Taten oft nicht bewusst, sie lernen noch. Es ist an uns dafür zu sorgen, dass sie das auch tun können. Dafür ist es gut, wenn wir mit uns selbst im Reinen sind, wenn wir uns immer wieder reflektieren und hinterfragen. Wir können herausfinden, warum uns ein Satz oder eine Handlung unserer Kinder verletzt hat und oft merken wir dann, dass diese Verletzung eigentlich viel tiefer ist – und viel länger da, als das Kind selbst und dass wir uns unseren eigenen Themen stellen müssen.

Nachbetrachtung

Die Gewitterwolken sind weg, es hat ganz schön gekracht, wir haben uns aufgeregt, gestritten, geweint, uns umarmt und uns wieder vertragen. In der Luft liegt nicht mehr die explosive Schwere eines anrollenden Konflikt, sondern die Frische eines neuen Anfangs. Jetzt ist der Moment, an dem wir miteinander sprechen können. Was war los? Warum haben wir uns so aufgeregt? Was hat uns aus der Fassung gebracht? Was beschäftigt uns gerade? Was wünschen wir uns? Was ist uns wichtig? Wie können wir uns in Zukunft besser unterstützen?

Die Nachbetrachtung hilft uns, zu lernen und zu wachsen und sie bringt uns näher zusammen. Dabei finden wir oft die besten und innovativsten Lösungen und beim nächsten Mal können wir vielleicht eine ähnliche Situation ohne Gewittersturm lösen. Aber keine Angst – Konfliktpotential findet sich immer wieder aufs Neue. Alles andere wäre ja auch langweilig!

 

 

 

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